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Eurabia 2040? DEUTSCH

bild1Eine Langzeitperspektive für eine
erfolgreiche Europäische Integration
Ritika Srtivastava, Sina Tajik, Jakob Sanders und Martin Gillo
Technische Universität Bergakademie Freiberg

 

Abstract: Im Januar 2016 haben 20 Studenten aus 8 verschiedenen Nationen an der TU Bergakademie Freiberg die Langzeitplanungsmethode der Szenario-Planung angewandt, um zu beantworten, wie die EU langfristig hohe Zuwanderung vornehmlich aus muslimischen Ländern erfolgreich meistern kann. Das Ergebnis dieser Analyse sind vier mögliche Szenarien und entsprechende Strategien zur Realisierung eines möglichst erfolgreichen Resultates. Die erstrebenswerteste Strategie umfasst eine Stärkung der europäischen Wirtschaft in Kombination mit der Schaffung einer klaren europäischen Identität.

Unsere Welt wächst zunehmend zusammen. Weltweit migrieren Menschen zu neuen Orten. Gründe hierfür sind die Globalisierung, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben und die Flucht vor Kriegen. Durch die Konflikte im Nahen Osten erlebte die Europäische Union in 2015 eine außergewöhnlich hohe Zuwanderung von Flüchtlingen. Vor diesem Hintergrund stellen sich viele Europäer die Frage:

Wie kann die EU die Vorteile der Diversifizierung durch Migration bestmöglich umsetzten und dabei Sicherheit, Harmonie und Wohlstand für alle nachhaltig realisieren?

Mit dieser Frage befasste sich eine Gruppe von internationalen MBA Studenten[1] der TU Bergakademie Freiberg, moderiert vom vierten Autor. Unter Zuhilfenahme der Szenario-Planungs-Methode[2] wurden verschiedene mögliche Ausgänge und entsprechende Strategien für die EU entwickelt.

Aktuelle Situation

Die EU hat seit 2014 eine noch nie dagewesene Entwicklung durchlaufen. In 2015 haben bis zu 1,3 Millionen Flüchtlinge, größtenteils muslimischer Herkunft, eine friedliche Zukunft in Europa gesucht.[3] Der starke Zustrom von Menschen hat die EU vor Herausforderungen gestellt, die zu folgenden Fragen führen:

  • Wie wirkt sich die Zuwanderung langfristig auf die EU aus? Diese Frage ist von besonderem Interesse für Länder wie Deutschland und Schweden, die einen Großteil der Flüchtlinge aufgenommen haben. Wie wird deren Gesellschaft durch die Zuwanderung beeinflusst?
  • Mit welchen Maßnahmen lässt sich die aktuelle Situation unter Kontrolle halten und/oder die Unsicherheiten reduzieren? Es handelt sich um eine noch nie dagewesene Situation, sodass geeignete Lösungen erst entwickelt werden müssen. Dies dürfte auch einer der Hauptgründe für die enorme Verunsicherung der europäischen Bevölkerung sein.

Ein neuer Ansatz mit Langzeitperspektive

Ist es möglich über langfristige Lösungen nachzudenken, wenn nicht einmal die kurzfristigen Trends vorauszusagen sind? Können Vorhersagen für die nächsten zwei, drei oder fünf Jahre oder gar für die nächste Generation von Europäern getroffen werden? Alle diese Fragen lassen sich eindeutig mit Ja beantworten.

Der für diese Studie gewählte Ansatz des Scenario Planning (SP), also dem Planen mit unterschiedlichen Zukunftsszenarien, scheint am besten geeignet zur Beantwortung solcher entscheidenden Fragen. Die Methodik wurde ursprünglich von der US Armee während des Zweiten Weltkrieges entwickelt. In der Geschäftswelt wurde sie erstmals in den 1970er Jahren unter langjähriger Geheimhaltung von der Shell Oil Company angewendet, die sich damit einen großen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Seit den 1990er Jahren wird SP zunehmend in der Industrie als bevorzugtes Instrument für langfristige Planungen eingesetzt. Ein kurzer Blick auf YouTube zeigt, dass auch namenhafte Universitäten SP im Rahmen ihres Lehrangebotes anbieten.

Wir sind uns bewusst, dass die Zukunft ungewiss ist und häufig von unseren Prognosen abweicht. SP zielt darauf ab, die Bandbreite aller möglichen Szenarien abzubilden und diese durch die Auswahl von vier exemplarischen Ausgängen sichtbar zu machen.

Im Januar 2016 hat ein Team von 20 MBA Studenten aus acht verschiedenen Nationen an der TU Bergakademie Freiberg die Methode des SP angewandt. Ziel war es, unter der Annahme weiterhin hoher Immigration von Muslimen, verschiedene Zukunftsszenarien für die Europäische Union im Jahr 2040 zu entwickeln. Dabei sollten die Studenten die Perspektive von Beratern der Europäischen Kommission einnehmen.

In einem ersten Schritt wurden die potentiell relevanten Entwicklungen betrachtet, die sich bereits heute abzeichnen. Häufig sind die zukunftsweisenden Trends bereits frühzeitig sichtbar, werden aber nicht in ihrer Relevanz für die langfristige zukünftige Entwicklung betrachtet.

Vier Szenarien

Die Studenten identifizierten 23 verschiedene Trends, die aus ihrer Sicht für das Jahr 2040 relevant werden könnten. Zwei dieser Entwicklungen waren besonders kritisch. In der ersten wurde eine steigende Islamophobie mit einhergehendem politischen Trend zur Bildung eines Kalifats in Europa prognostiziert. Die zweite Entwicklung ist geprägt von einer negativen Wirtschaftsentwicklung, gepaart mit steigenden sozialen Konflikten. Beide Trends könnten zu- oder abnehmen. Es ergibt sich eine 2×2 Matrix mit vier folgenden Szenarien.

  1. Mission Impossible: Das angenommene Worst-Case-Szenario mit hoher Islamophobie/Kalifatstendenz und einer negativen Wirtschaftsentwicklung

Diese Vorhersage folgt Murphy’s Gesetz: Es geht alles schief, was schiefgehen kann. Im Jahr 2040 ist die europäische Wirtschaft enorm geschwächt. Die fortschreitende politische Kalifatstendenz auf der einen und Islamophobie auf der anderen Seite resultieren in gesellschaftlichen Konflikten, gepaart mit steigenden Kriminalitätsraten. Die Europäische Union versucht mit allen verfügbaren Mitteln einen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Innerhalb der EU findet eine zunehmende Polarisierung und Nationalisierung der Mitgliedsstaaten statt, von denen bereits einige die Union verlassen haben.

  1. It’s a Beautiful Life – Das Leben ist schön: Ein ideales Szenario mit geringen Tendenzen zu Islamophobie und Kalifatsgesellschaft, einhergehend mit einer starken Wirtschaft

Dieses Szenario stellt die bestmögliche Entwicklung dar. Im Jahr 2040 ist annähernd jeder in die europäische Gesellschaft integriert und die Wirtschaft boomt. Neue Arbeitsplätze und ein besseres Leben für mehr und mehr Menschen sind nur einige Vorteile eines gut integrierten Kontinents. Die Bürger verschiedener Religionen, Rassen und Nationalitäten haben gelernt, in Frieden und Harmonie zusammenzuleben.

  1. Dancing with the Wolves – Der Tanz mit den Wölfen: Europa hat eine starke Wirtschaft in Kombination mit ausgeprägter Islamophobie und Kalifatstendenz

Im Jahr 2040 gibt es einen robusten Arbeitsmarkt und einen hohen Lebensstandard für jedermann. Trotzdem herrschen soziale Spannungen aufgrund ausgeprägter Islamophobie und fortschreitender Kalifatstendenz. Der Zustrom von Migranten hat positive und negative Auswirkungen. Einerseits stärkt er die Wirtschaft, andererseits resultiert er in sozialen Konflikten.

  1. Sunshine and the Chaos – Sonnnschein und Chaos: Eine schwache Wirtschaft in Europa gepaart mit zu vernachlässigender Islamophobie und Kalifatstendenz

Im Jahr 2040 werden alle Glaubensrichtungen und Atheismus in Europa respektiert. Die schwache Wirtschaft resultiert jedoch in gesellschaftlichen Konflikten und hoher Arbeitslosigkeit, gepaart mit steigenden Kriminalitätsraten. Unter diesen Bedingungen stellt der Flüchtlingszustrom eine zusätzliche Last für Wirtschaft und öffentliche Haushalte dar.

Strategien zur Stärkung der Europäischen Integration und Identität

Was sollte die Europäische Union tun, um die besten Langzeiteffekte der Migration unter den vier genannten Szenarien zu erzielen?

Sobald die verschiedenen Szenarien und ihre Konsequenzen erkennbar wurden, zeichnete sich ab, welche Strategien am angemessensten sind und wie die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schlimmsten-Fall-Szenarios minimiert wird. Auf diese Art definierten die Studenten 18 „robuste“ Strategien, die unabhängig vom eintretenden Szenario Erfolg versprechen. Zusätzlich wurden auch Strategien entwickelt, die optimal zu verschiedenen Szenarien passen.

Die verschiedenen Strategien wurden in sechs Gruppen eingeordnet, welche in der folgenden Ansicht aufgeführt sind. Die ersten beiden Gruppen wurden als besonders wichtig eingestuft. Unabhängig von der zukünftigen Entwicklung Europas sollte die weitere Stärkung der Wirtschaft im Vordergrund stehen. Wohlstand bietet die Grundlage für ein friedliches und konstruktives Miteinander. Wird den Menschen die Möglichkeit eröffnet, sich wirtschaftlich abzusichern und sich durch ihre Arbeit selbst zu verwirklichen, so sind sie auch offener für neue Initiativen und Ideen.

Auf der anderen Seite werden soziale Konflikte in der wirtschaftlichen Unsicherheit gestärkt. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg bieten den idealen Nährboden für Isolation und Abneigung gegenüber Wandel und neuen Ideen.

Die zweite Gruppe der Strategien betrifft die Stärkung der europäischen Identität, sowohl für die in der EU geborenen als auch für zugezogene Einwohner. Ein gemeinsames Verständnis von Europa kann durch staatliche Maßnahmen gefördert – oder durch deren Unterlassen ignoriert werden.

Im Folgenden sind die Strategievorschläge für die Europäische Union aufgelistet.

  • Stärkung der europäischen Wirtschaft zur erfolgreichen gesellschaftlichen Integration von Migranten
    • Schaffung von Hilfsprogrammen, die hoch qualifizierte Immigranten bei ihrer erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen.
    • Anreize für Unternehmen:
      • die Vielfalt in ihrer Mitarbeiterschaft fördern;
      • Steuererleichterungen für die verarbeitende Industrie,
      • Verlängerung der Probearbeitszeit und
      • temporäres Aussetzten des Mindestlohnes, um die Schaffung von Arbeitsplätzen für Geringqualifizierte zu erleichtern.
    • Verhindern von Fachkräfteabwanderung durch Investitionen in Infrastruktur und Zukunftstechnologien.
  • Bildung zur Stärkung der europäischen Identität und Bekenntnis zu Einheit und Vielfalt
    • Entwicklung und Umsetzung eines EU-weiten Integrationsprogramms mit Fokus auf Sprache, Arbeitsmarkteintritt und kultureller Anpassung an europäische Werte;
    • Förderung der Vermittlung der europäischen Grundwerte und der europäischen Identität;
    • Förderung von kulturellen Veranstaltungen zur sozialen Integration;
    • Vermittlung von Werten wie Respekt, Toleranz und Hervorheben der Vorteile einer vielfältigen Gesellschaft;
    • Förderung von Informationskampagnen über die islamische Kultur zur stärkeren Akzeptanz von muslimischen Flüchtlingen in der EU; und
    • Bestärkung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, einhergehend mit einer Verschärfung von Gesetzten zum Schutz von Frauen vor sexuellen Übergriffen.
  • Stärkung europäischer Institutionen
    • Verwirklichung einer europäischen politischen Union mit starker Verfassung
    • Realisierung einer europäischen Fiskalunion.
  • Stärkung der europäischen Sicherheitskräfte
    • Verdoppelung des FRONTEX Budgets zur Sicherstellung einer effizienteren Organisation der Flüchtlingsströme.
    • Stärkung der Sicherheit innerhalb der EU durch die Schaffung eines einheitlichen Informationsdienstes nach dem Muster des FBI.
  • Nein zur Kalifatstendenz
    • Verschärfung der europäischen Verfassung zur Unterbindung der Scharia in europäischen Gesetzen.
  • Stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Nahen Osten
    • Stärkung der Wirtschaft im Nahen Osten durch Anreize zum Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit der EU.

Zusammenfassung

Die vorliegende Studie macht deutlich, dass die EU alles in ihrer Macht Stehende tun sollte, um das Szenario „Mission Impossible“ zu vermeiden und das Szenario „It’s a beautiful life“ wahrscheinlicher zu machen. Die Studenten waren sich einig, dass der Schlüssel zur Zukunft Europas in der Förderung der europäischen Identität durch Bildung und der Stärkung der europäischen Wirtschaft liegt.

Die aus den Szenarien abgeleiteten Strategien helfen, qualifizierte Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren und so die europäische Wirtschaft zu stärken.

Die Förderung einer EU-spezifischen Identität ist einer der wichtigsten Schritte zur Definition von europäischen Grundwerten. Aktuell gibt es mindestens 30 verschiedene europäische Identitäten. Was hält sie zusammen? Die USA definieren explizit ihre Kultur und Identität. Die Studierenden waren überzeugt, dass Europa dies auch tun sollte. Die Bildung einer starken europäischen Identität ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer politischen Union.

Die Jugend Europas sollte unabhängig von ihrer Herkunft in die Bildung der europäischen Identität einbezogen werden. Dies ist elementar für die Vision einer attraktiven Gesellschaft für alle.

Neuankömmlinge sollten von der EU eine Hilfestellung erhalten, um die europäischen Werte zu verstehen und zu respektieren, sowie die Kultur, Bräuche, Gesetze etc. schätzen zu lernen. Ihre erfolgreiche Aufnahme in die Gesellschaft hängt von diesen Faktoren ab. Ebenso wird die EU von einer interkulturellen Ausrichtung profitieren.

Jede Krise birgt Chancen und Risiken. Die Studenten waren sich einig, dass die EU mit den vorgeschlagenen Strategien ihre Risiken minimieren und die Chancen optimal nutzen kann.

Das Studententeam:

Mission impossible: Ehsan Faraji, Maxim Tschulkow, Lee Meng-Chan, Ram Krishna Awasthi, Sridhar Srisuresh. It’s a beautiful life: Yasaman Yousefi Ghasemabad, Tess von Branconi, Fatema Darbar, Anh Phuong Nguyen, Hira Javaid. Dancing with the wolves: Rajesh Krishnamurty, Sina Tajik, Steban Mendez, Xinbiao Chen, Joseph O. Monye, Ruxing Yao. Sunshine and the chaos: Andres Parra Salazar, Jakob Sanders, Samineh Moghaddas, Ritika Srivastava.

Organisatorische Unterstützung: Johannes Stephan

Vorgeschlagene Literatur:

Bentham, Jeremy: 40 Years of Shell Scenarios. The Hague, Royal Dutch Shell, 2012. Download: http://s05.static-shell.com/content/dam/shell-new/local/corporate/corporate/downloads/pdf/shell-scenarios-40yearsbook080213.pdf.

Ogilvy, Jay and Schwartz, Peter: Plotting Scenarios. Emory, California: GBN Global Business Network, 2004. Download: http://www.meadowlark.co/plotting_your_scenarios.pdf.

Wilkinson, Angela and Kupers, Roland: „Managing Uncertainty: Living in the Futures”, in Harvard Business Review, May 2013. Download: https://hbr.org/2013/05/living-in-the-futures.

[1] Siehe Namensliste am Ende des Artikels

[2] Siehe vorgeschlagene Literatur für Sezenarioplanungs-Methoden

[3] Die genauen Zahlen waren im Frühling 2016 noch nicht bekannt. Die Zahl der Zuwanderer in 2015 übertraf die Erfassungskapazitäten der Deutschen Behörden.

(C) 2016 Acamonda

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